Kay Winkler

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Corridor
Maximiliansforum München
2001


Text
Presse




Kay Winkler going underground

Christopher Kramatschek


Poststrukturalismus, Postfordismus, Postkapitalismus und Postkommunismus, Posthistoire und Postmoderne. Allesamt Begriffe, die versuchen, die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, auch wie wir sie wahrnehmen, zu benennen und zu beschreiben. Man sieht: Dieser Versuch findet keinen eigenen positiven Begriff mehr. Die gegenwärtige Wahrnehmung ist die einer umfassenden Erosion sämtlicher Werte und Bezugssysteme; Anhaltspunkte finden sich in der Vergangenheit und weisen das, was heute und hier passiert, als ein „danach“ aus. Gleichzeitig greift der rastlose Blick in eine ungewisse Zukunft. Gegenwart und Präsenz scheinen sich zunehmend zu verflüchtigen.

Kay Winkler wurde vor mehr als einem Jahr vom Kuturreferat, namentlich von Dr. Michael Meuer eingeladen, eine Arbeit eigens für das „Maximiliansforum“ zu konzipieren. Mit seiner Installation corridor erwartet über die Dauer der Ausstellung in der Fußgängerunterführung Maximilianstraße/ Altstadtring sowohl den bewussten Ausstellungsbesucher wie auch zufälligen Passanten der Passage eine städtebauliche Intervention; aufgebaut aus mehr als 200 Betonpfeilern sowie einem gleißend weißen Lichtfeld von 4.000 Watt bzw. 3.000 Celvin. Rund fünfeinhalb Tonnen Material. Eine Materialschlacht mithin?

Nein! Vielmehr eine präzise, komplexe und zugespitzte Reaktion auf den Ort. In vielerlei Hinsicht ein Gegen-gewicht – und sicherlich kein parcour d´amour. Hat Kay Winkler auch die Einladung vom Kulturreferat angenommen, so lässt seine Arbeit das „Maximiiansforum“ im eigentlichen Sinne rechts und links liegen. Bespielt werden eben nicht die beiden ausgewiesenen Ausstellungsflächen; plaziert ist die Installation vielmehr in jener Passage zwischen ihnen. Letzlich ist es genau diese Passage in diagonaler Richtung, die den Passanten eilenden Schrittes die Unterführung nutzen lässt – die einfache Straßenüberquerung gelingt mit nur einer Ampelschaltung schlichtweg schneller und bequemer. Gleichwohl ist die Installation in ihrer Disposition aus den architektonischen Gegebenheiten des Ausstellungs-raums entwickelt. Die beweglichen Glaswände des „Maximiliansforums“ bestimmen in ihren Maßen und ihrer Ausrichtung den konkreten Ort der Installation, indem sie corridor wie Klammern einfassen. Indem sie zugleich auf architektonische Punkte innerhalb der Unterführung fluchten und damit der Arbeit ihre räumliche Ausrichtung geben, geben sie ihr auch ihre Selbst-Verständlichkeit an diesem Ort. Hierzu ist ebenfalls das Material Beton zu zählen, das dem „Maximiliansforum“ seinen prägnanten Duktus verleiht. Gegenüber der durchaus unwirtlichen Umgebung, auf die sich die Arbeit somit in weiten Teilen einlässt und aus der heraus sie sich entwickelt, baut sie im gleichen Moment ihre eigene Ästhetik auf. Angesprochen ist das konkrete Maß der einzelnen Pfeiler, das mit 10 cm x 10 cm eben keine Stadtarchitektur zitiert (und nur für temporäre Bauten wie diese Skulptur zulässig ist).

corridor bespielt – hierauf ist näher einzugehen – weniger den Ausstellungsraum „Maximiliansforum“; vielmehr wird mit der Installation dieser städtebauliche Ort, letzlich die Stadt als ein Wirk- und Funktionsgefüge reflektiert. Eben nicht zufälligerweise tritt die Arbeit in der Unterführung weniger dem flanierenden Kunstbesucher als vielmehr denjenigen entgegen, die hier aus beruflich-geschäftlichen Gründen welcher Form auch immer unterwegs sind und dabei so wenig Zeit wie möglich verlieren wollen. Und der Ort, d.h. das „Maximiliansforum“ selbst ist nicht irgendein Ausstellungsraum in der Stadt, sondern nimmt allein aufgrund seiner unmittelbaren Nähe zur Maximilianstraße eine exponierte Position ein; exponiert beispielsweise in Hinblick auf eine politisch-ökonomisch motivierte Tendenz, Kunst zunehmend als ein Marketinginstrument für Städte zu handhaben.

Städte unterliegen seit Jahren einem tiefgreifenden Wandel, auf den unter anderem Anette Beldauf in ihrer Studie zur „Shopping City“ (Architektur Aktuell, Nr. 235, Nov. 1999, S. 80ff.) hinweist: Die Stadt, traditionell Ort der Ansiedlung, des Aufenthalts und der Produktion, d.h. von Körpern und Präsenz, wurde zunehmend zu einem Ort des Vertriebs und vor allem der Präsentation. Gegenüber der Stadt als einem Raumkörper wird sie mehr und mehr als ein Oberflächenphänomen behandelt und wahrgenommen. Städte, insbesondere die Inner City, sehen sich vor diesem Hintergrund mittlerweile mit einer „Kritik der Reduktion von Stadt auf expandierende Werbeflächen“ konfrontiert. „Ob in Las Vegas, auf dem City Walk in Californien, am Times Square oder auf dem Potsdamer Platz – zunehmend verlassen die Global Players des Entertainments ihr abgestecktes Territorium und nehmen die Stadt, vielmehr die Idee der Stadt, für sich in Anspruch. Fragmentierung, Säuberung, Privatisierung, themenspezifische Organisation und Branding sind die Kennzeichen einer Montage, in der die Stadt ... Bühne und Narration zugleich ist. (...) Hatte der Übergang der industriellen Ökonomie zur Serviceindustrie die Bindung von Produkten an Dienstleistungen vorausgesetzt, erfordert die gegenwärtige Erlebnisorientierung die Inszenierung von Shopping als Ereignis (...) Die Transformation von Stadt – die Idee ebenso wie die Erfahrung von Stadt – reagiert auf diesen Erlebnishunger der Klientel wie auch das Bedürfnis nach gewinnorientierter Stadtverwertung“ von der anderen Seite. Die Maximilianstraße muss mit ihren Schaufenstern als sehr genau codierten Kulissen und Werbeflächen, d.h. Zeichen für diesen (performativen) Ort im Sinne jener weltweiten Fusion von Stadt & Unterhaltung gelesen werden. Wer wollte hier nicht mitspielen?

Man kann aber auch die Frage stellen, ob nicht gerade die Maximilianstraße als dem Aushängeschild Münchens ein Bild oder Image der Stadt schafft und durchsetzt, das dem Begriff von „Stadt“, d.h. der Stadt als einem sozialen Gefüge unterschiedlichster Schichten nicht nur entgegensteht, sondern diese aus Imagegründen schlichtweg nicht mehr gelten läßt? Kay Winklers Installation corridor in der Fußgängerunterführung Maximilianstraße, einem städtischen Nicht-Ort, steht dem gegenüber. Die Betonpfeiler und das gleißende Licht schaffen eine temporäre Architektur, die einer Weichzeichnung der Stadt entgegentritt und sich als Bildträger für ein Stadt-Marketing verweigert. Der mehrfach gewinkelte Korridor, zu dem die undefinierte Passage zwischen den beiden Räumen des „Maximiliansforums“ verengt ist – und den der Passant zwangsweise wird durchschreiten müssen, will er die Unterführung in diagonaler Richtung nutzen –, lädt zu keinem Verweilen oder Flanieren ein. Ist es Zufall, dass selbst das „Maximiliansforum“ in seiner üblichen Form als einem Schaufenster(!) – für die Kunst oder für die Stadt? – für den Zeitraum dieser Arbeit aufgehoben ist?

corridor ist ein Durchgangs- und Transmissionsort, der im Durchschreiten der Stadt eine körperliche Präsenz, auch Härte zurückgewinnt, die ihr in großen Zügen verloren gegangen ist. Diese Präsenz, diese körperliche Präsenz ist Dreh- und Angelpunkt der Arbeit. Sie überträgt sich unmittelbar auf den Passanten, der sie durchschreiten und sich dabei verlangsamen muss – wie sie zugleich ihrem Referenzpunkt, nämlich der sich zunehmend auf ein Bild oder Image zurückziehenden Stadt entgegentritt. Ein Justieren körperlicher Präsenz ist das künstlerische Thema Kay Winklers seit Jahren. Statt einen großen Knall zu inzenieren, wirft die Arbeit ein gleißendes Licht darauf, wie dieser Ort bespielt werden kann und was künstlerische Arbeiten im „Maximilaiansforum“ zu leisten vermögen.





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