Kay Winkler

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KATHEDRALE DES EROTISCHEN ELENDS
München
2004


Text



industriehalle kalt 70iger jahre plattenbau im abriss befindlich
umnutzung rotlicht puff
der raum groß niedrig beklemmend
umnutzung
höhle intim doch öffentlich
kathedrale des erotischen elends (schwitters merzbau dada)
rotlicht
käfige
gebaut aus verpackungsmaterial wie schaukästen eingesetzt
infrarot wärmelampen zur tieraufzucht schönes rotes licht
bewegung im raum
geometrie der architektur setzt sich durch licht und schatten der käfige fort
zwischen gegenpolen gradwanderungen
verlangen nach wärme und geborgenheit
dem schein nach
einsam
sehnsucht nach einem ort
implantiert




Glück und Unglück der Nützlichkeit

Zur „Kathedrale des erotischen Elends 2006, einer Installation von Kay Winkler
Dr. Wolf Dieter Enkelmann, Institut für Wirtschaftsgestaltung, Dezember 2006



Wir befinden uns in einem Raum, der in seiner Gestaltung erkennbar durch seinen Nutzwert definiert ist. Er hat seinen Zweck im Dienst an derGewinnmaximierung erfüllt. Zuletzt dienten Teile des Gebäudes der professionellen Sexualitäts- und Lustbewirtschaftung. Nachdem es sich hinreichend amortisiert hat, fällt es nächstens der Abrissbirne zum Opfer, um neuer Stadt- und Raumplanung Platz zu machen. Jetzt, in der Zwischenzeit, ist hier eine „Kathedrale des erotischen Elends“ eingerichtet.
Mit Verpackungsbändern aus Stahl hat Kay Winkler käfigartige Gebilde verfertigt. Zwei dieser befinden sich in Reihe angeordnet über einem Durchbruch im Boden, drei schwebend zwischen zwei Betonsäulen. Ein Sofa lädt ein, im Raum platz zu nehmen und den Assoziationen zu folgen, die das Ambiente heraufbeschwört. Die Käfige werden innen erleuchtet durch Infrarotlampen, wie sie in der Tierzucht Verwendung finden. Sie tauchen den schrundigen Raum, der sich, ansonsten leer, unverändert in dem Zustand befindet, in dem er von den vorangehenden Nutzern hinterlassen wurde, in ihr eigentümliches Licht. Der Rest bleibt den Menschen überlassen, die sich hir miteinander oder alleine zurechtzufinden versuchen.
Von oben ragen Betonträger tief in den Raum hinein, die das darüber liegende Flachdach tragen. Se nehmen dem an sich weitläufigen Raum seinen räumliche Dimension. Was bleibt, ist die pure Rationalität zweckdienlicher und effizienter Raumausnutzung. Dafür – diese Assoziation drängt sich durch Winklers Installation auf – werden Menschen nicht geboren, dass sie wesentliche Zeiten ihres Lebens in solchen Räumen verbringen und dort ihr Bestes geben. Selbst wenn sie dafür die Entschädigung erhalten, die sie verdienen, bleibt die Frage: Müssen Nützlichkeit und Kostenbewußtsein so unwirtlich sein? Vielleicht liegt es an Folgendem: Für die konventionelen Wirtschaftswissenschaften fängt alles mit der Knappheit an. Der Mangel ist der Nucleus wirtschaftlicher Rationalität. Doch es gibt etwas noch zuvor. Das ist das Begehren. Ohne Begehren gäbe es nämlich gar keine Knappheit. Zwar hat es das Begehren mit dem Mangel. Man sehnt sich schließlich nicht herbei, worüber man schon verfügt, sondern, was noch fehlt. Es selbst aber ist das ganze Gegenteil. Es ist unermesslich, grenzenlos und unerschöpflich, ein Reichtum, der manch einem manchmal sogar zu viel werden kann.
In diesem Begehren gründet alle Wirtschaftskunst. Es ist die ursprüngliche Wirtschaftsressource. Aus dem Begehren schlagen wir Kapital. Allein um seine Befriedigung und Erfüllung willen macht es überhaupt Sinn, Mängel zu beheben und die Knappheit zu besiegen. Ginge es tatsächlich nur um die Behebung des Mangels, dann wäre der Mangel im günstigsten Fall zwar beseitigt, die Bilanz damit aber aus dem Minus nur auf Null gestellt. Gewonnen wäre noch nichts. Vielleicht tritt das Nützliche deshalb oft so unwirtlich auf, weil die ökonomische Theorie das Begehren voraussetzt, dann aber vergißt und in der Praxis nur mehr verwertet, ausnützt und verbraucht. Da wäre eine Humanisierung der Zweckrationalität wünschenswert, durch eine Erweiterung des Nützlichkeitsbegriffs um die Fähigkeit, auch das Unnütze zu achten und besser zu integrieren.

Unter den Griechen gab es einst ein geflügeltes Wort, das in etwa folgendermaßen lautete: Es ist ein Elend geboren zu sein und, falls einem dieses Unglück nun doch widerfahren ist, am besten, schnell wieder sterben. Das heißt: Das Leben kostet sowieso das Leben, und da gibt es nur einen Weg, die kosten zu minimieren, um nicht ein Leben lang dafür Mühen und Lasten bezahlen zu müssen, nämlich es entschlossen zu verkürzen. Wissenschaftlich gesagt warfen die Griechen damit folgende Frage auf: Produzieren wir, um uns zu reproduzieren, oder gibt es die Chance der Umkehrung? Dann reproduzierten wir uns um der Produktion willen. Übersetzt: Ist das Begehren mit seiner Kreativität und Produktivkraft nur Mittel der Lebenserhaltung? Oder bemühen wir uns um die Lebenserhaltung umgekehrt wegen der Produktivität des Begehrens, also für die Chance, Kreativität frei entfalten, aus der Begierde und der Lust etwas zu machen, das Glück zu finden und einen echten Gewinn zu erzielen? Für die Griechen war das ganz klar: Es muß mehr dabei herauskommen, als wir einsetzen. Mit anderen Worten: Sie plädierten entschieden für das Gewinnstreben, und sie wussten natürlich bestens – auch wenn sie sich daran nicht immer gehalten haben -, dass dabei der quantitative Zuwachs letztlich immer in Qualität umschlagen muß, soll nicht doch wieder alles verloren sein. Wirtschaftliches Wachstum ist allein quantitativ noch kein Beweis für Gewinnträchtigkeit. Es kann auch ein Schein sein. Das Betriebsvolumen vermehrt sich, die Umlaufgeschwindigkeit wird laufend erhöht, am Ende kommt aber nicht mehr und nichts anderes heraus als immer neue Reinvestitionen von Menschen, Gütern und Kapital in diesen Prozess. Wenn in der vorherrschenden wirtschaftlichen Rationalität allein der Gebrauchswert zählt, dann ist auch der Wert aller Gewinne allein über deren Nützlichkeit bemessbar – und der Gewinn darüber in seinem Eigenwert verloren.

Dieser Situation können wir uns in der „Kathedrale des erotischen Elend“, durch Kay Winkler Installation eine Art Keimzelle der Lebensreproduktion und Lebensverwertung, ausgesetzt erleben – als Opfer, zugleich aber auch als Täter. Wir haben die Wahl und können entscheiden, in welche rolle wir uns assoziativ versetzen und worin wir unsere Chance sehen wollen. Verwertung des Lebens für die Verwertung, oder bleibt über den Aufwand, den wir für unsere Selbstbehauptung treiben, noch etwas übrig, etwas Unnötiges und Überflüssiges, etwas Nichtsnutziges, worin diese Selbstbehauptung ihren Sinn und ihr Glück findet?
Luxuriöse Fragen, aber es sind eben die Fragen, die etwa von religiöser Seite oder auch aus anderen Kulturen an die euro – amerikanische Art, vernünftig zu sein, gestellt werden. Sie ahnen die Gefahr, dass sich die Welt hinter den glänzenden Fassaden der wirtschaftlichen erfolge und der nun schon Jahrzehnte andauernde Hausse an den Börsen, hinter der ausgefeilten Zweckrationalität und dem ungebremsten Eifer, mit dem wir uns nützlich machen, in ein Arbeitslager verwandelt und der Mensch irgendwann einmal nur mehr über seinen funktionalen Nutzwert zu begreifen sein wird.
Mithilfe der ökonomischen Grenznutzentheorie läßt sich vorauszusagen, was dann passiert: Die Nützlichkeit schlägt in Belästigung um. Kay Winkler macht Sachen, die einen nicht damit behelligen, vor allem anderen beweisen zu wollen, dass sie Kunst sind. Und sie sind auch nicht auf den ersten Blick als ein „Winkler“ zu erkennen. Er befasst sich statt dessen einfach eingehend mit Orten, um die es geht. Und er interveniert weniger in ihre Räumlichkeit oder Gefilde, die sie markieren, als er sich auf seine Weise sagen läßt, was sie zu sagen haben. Meist ist es wichtig. Diese Mal sah er sich veranlasst, Kurt Schwitters zu zitieren. Und man sieht, Kathedralen erotischen Elends gibt es vielerorts. Sie müssen nicht mehr errichtet, sonder nurmehr geeignet ausgestattet werden, damit sie sich zu erkennen geben.




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