Kay Winkler

HOME PROJEKTE VITA KONTAKT

 

     
 

Ausstellung Lothringer 13
München
1994


Text 1
Text 2
Presse





Die Ordnung der Dinge
Zu den Arbeiten von Kay Winkler
Ivo Kranzfelder


Was ist ein Raum? Wie definiert er sich bzw. wie kann er definiert werden?

Eine Möglichkeit bot Raymond Queneau, der unsere gewohnte Umgebung von einem ahnungslosen Standpunkt aus beschrieb: „Die Ausländer leben in Büchsen. Nebeneinanderliegende Büchsen bilden eine Wohnung. Übereinaneinanderliegende Büchsen ein Haus. Es werden Löcher hineingemacht, um den Bewohnern, der Kälte und dem Regen Einlaß zu gewähren“. Dem Begriff des Raumes ging der des Ortes voraus. Ein Ort ist immer gebunden an ein körperliches Objekt, dessen Ort damit ausgesagt wird. Wenn nun der Ort. bzw. Raum begriffen wird als eine Art Ordnung körperlicher Objekte, dann hat es keinen Sinn, von leerem Raum zu sprechen. Albert Einstein sprach von zwei begrifflichen Raum-Auffassungen, nämlich einmal dem Raum als „Lagerungs-Qualität der Körperwelt“, zum anderen vom „Raum als 'Behälter' (container) aller körperlicher Objekte“. Er setzte allerdings die Bemerkung hinzu, beide Raumbegriffe seien freie Schöpfungen der menschlichen Phantasie, ausschließlich ersonnen zum leichteren Verstehen unserer sinnlichen Erlebnisse. In der Nachfolge der Physiker Maxwell und Faraday wurde schließlich der Raumbegriff durch den des Feldes ersetzt. Räumlich ist daran nur die Vierdimensionalität des Feldes, woraus folgt, daß es keinen leeren Raum gibt, keinen leeren Raum ohne Feld. Nun geht es weit über die Kompetenz des Autors hinaus, sowohl die physikalischen als auch die historischen Aspekte des Raumproblems darstellen zu können. Es sei nur grundlegend festgehalten - dies wurde von Bildhauern wie Eberhard Fiebig schon ausdrücklich betont -, daß die Eigenschaften des Raumes der menschlichen Sinneswahrnehmung nicht zugänglich sind.

Kay Winkler hat den BODEN eines Raumes – hier im Sinne der Queneauschen Büchse mit phosphoreszierender Nachleuchtfarbe bestrichen. Die Dunkelheit wird durch eine regelmäßig an – und ausgehende Lichtquelle unterbrochen, die der Farbe ihre Leuchtkraft verleiht. Befindet sich nun ein körperliches Objekt, also Beispielweise ein Mensch, während einer der Lichtphasen in diesem Raum, so bleibt in der nachfolgenden Dunkelheitsphase die Grundfläche des körperlichen Objekts dunkel, da sie kein Licht aufnehmen konnte. Der Rest der Fläche strahlt hell, das empfangene Licht wieder ab. Von einem Menschen etwa, der den Boden betritt, eine Lichtphase lang stehen bleibt und dann wieder hinausgeht, bleiben zwei dunkle Fußspuren zurück. Wenn also die physikalischen Eigenschaften des Raumes unserer Sinneswahrnehmung nicht zugänglich sind, sind es – daher schon vom Begriff her – die metaphysischen erst recht nicht, daher geht es Winkler nicht um den Raum an sich, sondern um das Problem der Ordnung der Dinge. Der Raum existiert unabhängig vom Körper, auch der Raum eben dieses Körpers. Newton unterschied zwischen dem absoluten und dem relativen Raum: „Der absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich. Der relative Raum ist ein Maß oder ein beweglicher Teil des ersteren, welcher von unseren Sinnen durch seine Lage gegen andere Körper bezeichnet und gewöhnlich für den unbeweglichen Raum genommen wird.“ Der relative Raum wird sichtbar gemacht durch Maße, heute genannt Koordinatensysteme.

Die Spuren, die ein Körper auf der phosphoreszierenden Grundfläche des relativen Raums, wie ihn Winkler definiert hat, zurücklässt, bezeichnen den Ort des Körpers. Der Raum hat sich nicht verändert. Was sich allein verändert hat, ist die Lage des Körpers, damit zugleich allerdings auch die Lage der anderen Körper mit Bezug auf ihn. Wie Newton die Vorstellung vom absoluten und relativen Raum einführte, so unterschied - gegen Newton – Leibniz zwischen absoluter und relativer Bewegung.

Winkler stellt mit seinem Raum solche grundsätzlichen Fragen. Was er uns hier prototypisch am eigenen Leib erfahren lässt, damit setzt er sich in seiner Arbeit als Bildhauer auseinander. Seine bevorzugten Materialien sind Beton und eisen. Die massiven gegossenen Betonplatten werden von demgegenüber fragil wirkenden Eisenrohren gestützt. Die Konstellationen, in denen diese Elemente auftreten, folgen einem genauen Ordnungsprinzip, wobei sich die exakte Berechnung des Bildhauers und die sich daraus von selbst ergebenden Bezüge der Körper untereinander die Waage halten. Die Grösse der Platten ist so berechnet, dass sie in einem bestimmten Verhältnis zur Grundfläche des architektonischen oder natürlichen Raumes stehen, der Winkel der Verkantung oder der sie tragenden Eisenrohre ist durch die Gesetze der Statik bestimmt.

Wenn Kay Winkler nun eine Betonplatte mittels eines mit ihr verkanteten Eisenrohres in einer bestimmten Höhe und in einem bestimmten Winkel so gegen eine Wand lehnt, dass sie im Gleichgewicht bleibt, wenn er weiters an diese Platte aufsteigend, in einem leicht veränderten Winkel, noch eine durch ein Eisenrohr gestützte Platte anlehnt, dann folgt diese Konstellation einer Ordnung, einem Gesetz. Sie bezieht sich auf den Ausstellungsraum, die Folge von Räumen, innerhalb derer sich dieser befindet, und schliesslich bilden die Platten das Segment eines Kreises, der nach den Grössenverhältnissen der Raumkonstellation berechnet ist. Dieses Gesetz oder , besser, diese Ordnung wird durch die Dinge bzw. Körper bestimmt, die sie bilden, sie ist also immanent. Sie folgt nicht einem grossen Gesetz, einer postulierten Weltordnung oder gar einem göttlichen Prinzip.

Mit seinen Arbeiten thematisiert Kay Winkler die künstlerische Eigengesetzlichkeit oder Autonomie, allerdings damit gleichzeitig auch deren Grenzen, die in den physikalischen Eigenschaften der Dinge liegen. Die Plastiken Winklers haben sowohl eine Ordnung, ein Prinzip in sich selbst als auch im grösseren, über sie hinausreichenden Zusammenhang. So ist die Gestalt der Plastik in sich geschlossen, gleichzeitig aber nur ein Teil eines übergeordneten, grösseren Konstruktes, das wiederum im ausgeführten und gezeigten Fragment seine Basis hat.

Winkler erschafft nicht sein persönliches, subjektiv-individuelles Universum, sondern ein Universum der Dinge und Körper. Diese, allein diese sind der Ausgangspunkt. Während der Kontext in technischen Zeichnungen definiert wird, manifestieren sich die Plastiken in rohem, schweren Material, das im Gegensatz zu den exakten Plänen steht. Die Verwirklichung der Arbeiten trägt einen ganz anderen Charakter als ihr Entwurf. Mit anderen Worten heisst das, das Erscheinungsbild, die Praxis, unterscheidet sich von der Theorie wesentlich, obwohl der Zusammenhang nicht zu leugnen ist. Winklers Plastiken stehen, was die Vorgehensweise betrifft, am Schnittpunkt zwischen theoriegeleiteter Induktion und erfahrungsgeleiteter Deduktion.








Die existentielle Verlorenheit des modernen Individuums ästhetisch auf den Punkt gebracht
Carlos Oliveira


Die Arbeiten des Kay Winkler vergegenwärtigen die Grundsituation des modernen Individuums. Seine „Konstruktionen“ aus Beton und Eisen, die schräg in der Luft „stehen“ und beim Betrachter das Gefühl erwecken, daß sie in jedem Augenblick zusammenbrechen könnten, und uns womöglich dabei erdrückten, stellen eine wunderbare materielle Metapher eines Menschen dar, der alle transzendenten und gesellschaftlichen Bindungen längst verabschiedet hat. Winklers Arbeiten verstören zunächst einmal den Betrachter. Aber in der beim Betrachter ausgelösten Verstörung liegt gerade ihre Faszination. Das spätmoderne Individuum des ausgehenden 20. Jahrhunderts erträgt existentiell kaum die Bezugslosigkeit, in der es sich befindet; es ist ihm unter Umständen nicht bewusst, dass die Wiederaneignung von früheren Bindungen und Orientierungen längst nicht mehr möglich ist. Der großstädtische Nomade spürt hier und dort gewisse Ausdrucksformen von existentieller Verlorenheit. Er kann aber kaum begreifen, daß dies tiefere, im weitesten Sinne „metaphysiche“ Ursachen hat, die weit über die unmittelbaren Ursachen seines Unbehagens hinausgehen. Denn wie läßt es sich in der radikalen Verlorenheit über – leben? Er tut daher „besser“ zu verdrängen, und man kann – etwa in Anlehnung an Jean Baudrillard unsere postindustrielle, westliche Gesellschaft, die längst auf der ganzen Erde nachgeahmt wird, als eine nicht mehr zu stoppende, Baudrillard sagt „implodierende“, riesige Verdrängungsmaschinerie betrachten.

Ein riesiger Mikrokosmos eröffnet sich.

Kay Winklers Bearbeitung der Materie geht von einer tieferen, über gesellschaftliche Prozesse hinausführenden Grundsituation aus; sie erinnert uns an die existentielle Ur – Situation, in der jeder von uns – als in – die – Welt – geworfene – Wesen – steckt. Darin besteht seine Radikalität; in einer Gesellschaft, deren endlos sich selbst reproduzierender Leerlauf die Grenzen der Belastbarkeit des Individuums längst überschritten hat, ist dieses künstlerische „Programm“ zu begrüßen, denn es provoziert und fordert zum Umdenken auf. Aber hüten wir uns davor, dem jungen Münchner Künstler eine „pessimistische“ Lebens – und Welteinstellung womöglich vorzuwerfen (Pessimismus und Optimismus sind keine Kategorien angesichts dessen, was in der Bewußtwerdung der radikalen Verlorenheit des Einzelnen in der Zeitspanne von Geburt und Tod auf dem Spiel steht). Ich sehe Winklers Arbeiten vielmehr als luzide Manifestation des menschlichen Ur – Zustands.

Die Raum – und Zeiterfahrung, die uns die Konstruktionen des Kay Winkler suggerieren, sind ferner die eindrucksvolle Darstellung derjenigen Zeit – und Raumerfahrung, die in unserem Jahrhundert die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie gebracht haben. Nach diese Bahnbrechenden physikalischen Erkenntnissen ist es unangebracht, in (pseudo-) harmonischer Weise zu konstruieren. Kay Winklers Arbeiten sind in ihrer Konstruktionsschrägheit daher, die existentielle Verlorenheit des modernen Individuums ästhetisch auf den Punkt gebracht. Aber Achtung: Verloren ist nicht gleich verloren…! Im Raum – zeitlichen Verlust jeglichen Selbst – und Weltbezugs kommt das zeitgenössische, selbstbewußte Individuum dank vermittelter Neuerschließung erst zu sich.

Es wäre aus den angeführten Gründen töricht, eine solche ästhetische Luzidität als existentiell unerträglich zu charakterisieren. Nur wer so scharfsinnig den Kern unserer Selbst – und Weltkonstitution getroffen hat, ist überhaupt imstande, dem Chaos des Daseins Sinn und gelöste Freude abzugewinnen. Für mich sind daher diese imponierenden Betonstücke, auf schiefen Eisenrohren gestützt, auch Ausdruck einer geistig- ekstatischen Sinnlichkeit, welche darin besteht, aus der Einsicht ins Wesentliche, (gemeint sind die Fragen, die die Tradition „metaphysisch“ nannte, die sogenannten „letzten Fragen“, oder verkürzt, die Sinnfrage, welche wir heute – Kinder einer überschüssigen Moderne – nicht mehr verdrängen werden können), einen Anderen, beglückenderen Zugang zu sich und zu dem Anderen, und dadurch zur Welt als Vergegenwärtigungbühne des eigenen und des gattungsgeschichtlichen Lebens gewinnen. Nur auf dem offenen, ausgebrochenen Vulkan läßt sich überhaupt tanzen. Und Kay Winklers Skulpturen „tanzen“, sie beben geradezu.

In einem Kunstbetrieb, der des öfteren entweder auf Erbauung und eine oberflächlich aufgefasste „Harmonie“ erpicht ist, oder mit Neo -, Post - , Neo – post, Post – neo – Surrogaten dahinvegetiert, ist die erfrischende Unmittelbarkeit seiner Verwandlungen der Materie, d. h. ihre Fähigkeit, uns ans Wesentliche zu erinnern ( darin dem großen, von Kay Winkler sehr geschätzten baskischen Bildhauer Eduardo Chillida strukturell geistig durchaus verwandt), eine Materie gewordene Qualität, die nicht nur aus ästhetischen Gründen den jungen, vielversprechenden Münchner Bildhauer zeichnet.




Presse







Eine Auswahl – chronologisch

RHIZOM
BIG DATA
VERSPIELEN
LANDSCHAFT IM RAHMEN
REINES TRINKEN
ZITATE ZUR GESCHICHTE EINES HAUSES
LICHTSCHREIN
KATHEDRALE DES EROTISCHEN ELENDS
GANGWEG
PAVILLON
CORRIDOR
TRANSPARENT MOVE
O.T. ERLANGEN
FIKTIVE ARCHITEKTURMODELLE
PAVILLON LUISENHAIN
O.T. DARMSTADT
KIRCHEN STÜCK
BAUSTELLE ALTE PINAKOTHEK
O.T. HAIMHAUSEN
STAATSFÖRDERPREIS
AUSSTELLUNG LOTHRINGER 13

PORTRAITS
 
 
 
  © Kay Winkler 2015 Impressum